1 Juni 2020

Wir machen Urlaub

Lieber Alex,

ich vermisse Dich sehr. Deine Anrufe mit der Begründung:“ Ich wollte nur Deine Stimme hören“ lassen mich strahlend in den Tag oder Abend gehen. Unsere letzte Idee, die bei einem dieser Telefongespräche entstand, hängt mir sehr nach.

Aus der ersten Freude: „Wir werden zusammen Urlaub in Polen machen“ entstanden ganz schnell sehr viele ernsthafte Gedanken. Unserer beider Wurzeln kommen aus Schlesien. Deine aus Frankenstein meine aus Gleiwitz, wo ich geboren bin. Beides gehörte zum Königreich Preußen. Aber darum wer wem, wann gehörte und welcher Volksstamm deutsch, polnisch oder kunterbunt ist, wird bei unserer Reise keine Rolle spielen. Das ist zwar wichtig und interessant, wird mir aber zurzeit viel zu sehr von Menschen diskutiert, die andere Ambitionen haben als wir.

Wir gehören zu den Bürgern Europas, die durch die Kriege, deren Sinnlosigkeit fast einen körperlichen Schmerz erzeugt, umverteilt wurden. Versteh mich nicht falsch, ich will keine alte Ordnung wiederhaben, mich schmerzt es nur keinen Ort zu haben, an den ich wiederkehren kann, um zu sagen hier begann alles, was mein Leben und meinen Werdegang beeinflusste, hier ist das Geburtshaus meiner Eltern und meiner Großeltern, hier bin ich zu Schule gegangen, hier leben meine Schulfreunde, hier wohnt die Nachbarin, bei der ich gern zu Mittag aß, wenn meine Mutter was kochte, das ich nicht mochte, hier habe ich mit meiner Schwester gelebt und gezankt, hier habe ich auf das Christkind oder den Nikolaus gewartet, hier habe ich Äpfel aus Nachbars Garten gestohlen.

Die Liste könnte ich weiterführen. Zugegeben, es ist ein wenig kitschig und vielleicht kannst Du Dir gar nicht vorstellen, was ich fühle. Ich denke, dass aber dieser unumkehrbare Umzug aus Polen nach Deutschland sehr prägend war. Für meine Eltern war das ein Umzug ohne Wiederkehr, ohne Kompromisse, teils damals dem kalten Krieg geschuldet und teils anderen politischen Absurditäten, über die Historiker schreiben sollten.

Also habe ich meine Heimatstadt in Erinnerung als einen Ort, an dem meine Familie nur darauf wartete in den „Goldenen Westen“ auszureisen. In Polen waren wir die Deutschen in Deutschland waren wir die Polen. Trotzdem hege ich keinen Groll. Es ist nur eine persönliche Leere, wenn ich meine Vergangenheit betrachte.

Desto mehr freu ich mich mit Dir zusammen unsere Wurzeln zu betrachten. Vielleicht vergeht diese Sehnsucht nach Geburtsort, so als wenn man ein Pflaster auf eine nicht so große Wunde klebt, oder pustet, damit ein rein psychosomatischer Schmerz endlich vergeht.

Du willst auch die Gedenkstätte Ausschwitz Birkenau besuchen. Ich sehe uns schon tränenüberströmt uns an den Händen haltend dort stehen. Ein Besuch dort ist nicht schön aber notwendig.

Deine Beate

P.S. Ich denk an Dich.


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Verfasst 1. Juni 2020 von Beate in category "Briefe von Beate

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