19 März 2021

Eine Geschichte für Dich

Liebster Alex,

es tut so gut Deine Worte zu lesen. Gern würde ich Dich ein wenig mehr aufmuntern, habe aber das Gefühl, dass wir uns in einer endlosen Spirale von Arbeit und Ärger befinden. Deshalb habe ich jetzt diese noch frische Geschichte für Dich.

Heute habe ich ein paar studentische Hilfen zum Tragen meiner neuen Küche engagiert. Ein bunter Haufen junger Männer, vor Kraft strotzend und voller guter Laune. Wie Du weißt, wohne ich im viertem Stockwerk Altbau ohne Fahrstuhl. Wenn man schwer beladen die Treppen hochläuft, ist es gefühlt der zehnte Stock. Als erstes kam die Kühl-Gefrierkombi. Nicht wirklich schwer, aber unglaublich unhandlich. Ich konnte durch alle Stockwerke ihre Stimmen hören, also hatten Sie noch genug Puste für die nächsten Elektrogeräte. Nach einer sehr kurzen Verschnaufpause wollten Sie los mit leeren Händen, wurden von mir schnell belehrt, dass Sie Leergänge später bereuen würden. Bepackt mit Teilen meiner alten Küche, Hausmüll, Altglas und was sonst noch runter musste, machten Sie sich auf den Weg, um ein paar Schränke, Schubladen und Werkzeug nach oben zu bringen. Ich hatte ein wenig Sorge, dass Sie auch alle Kinderwägen, die im Eingangsbereich für gewöhnlich stehen, mit dem mitgebrachten Elan fröhlich nach oben trügen. Ich nahm mir vor, sollte dies geschehen, nicht zu verraten, dass das nicht zum Auftragsumfang gehört und das überflüssige Gut irgendwo mit einem Lächeln zu verstauen. Die glücklichsten Gesichter habe ich aber gesehen, als ich den schon verschwitzten Helden der Arbeit mitteilte, dass es gar keine Spülmaschine zu tragen gäbe.

Weihnachten, Ostern oder ein Heiratsantrag hätten kein schöneres Strahlen hervorbringen können.

Weihnachten, Ostern oder ein Heiratsantrag hätten kein schöneres Strahlen hervorbringen können. Da sind Sie, die kleinen Freuden des Lebens, die Lichtblicke, die mit einer unglaublichen Unbeschwertheit ohne Vorwarnung über dich kommen, um dir die schlechte Laune und deinen Alltagsärger so mir nichts dir nichts einfach entreißen. Du kannst dich dagegen nicht wehren, gegen die gute Laune, die plötzlich durch den Übermut der Jugend und Unbeschwertheit über dich rollt, wie eine warme Welle und du über dich und die Welt lachen musst, als hätte es kein Gestern gegeben und das Morgen völlig egal ist.

Allerdings holt einen die Realität sehr schnell wieder ein. Nein, eigentlich nicht DIE Realität, sondern die Realität der Anderen, der schlechtgelaunten Chefs und Kollegen, der komplizierten Kunden und deren Sonder-Sonderwünsche, der Zwang der ständigen Präsenz für den Job und das Privatlegen, der gezwungenen guten Laune und der völlig irrationale Druck, ständig etwas besser zu machen, mehr zu haben als andere, sich niemals zufrieden geben müssen oder wollen.

Das alles holt mich ständig ein und nur die Liebe zur Dir lässt mich doch wieder lächeln und sanft an das Morgen denken.

Deine Beate

 

P.S. Ich Denk an Dich 

22 Februar 2021

Vernünftig können wir nicht

Lieber Alex,

du hast mir schon ganz lange nicht mehr geschrieben. Wir machen seit neuestem so viel zusammen, dass unsere Briefe einfach zu kurz kommen. Vielleicht haben wir uns durch den sonntäglichen Podcast schon alles gesagt. Aber dennoch überkommt mich eine Traurigkeit, wenn ich keine Briefe mehr von Dir bekomme. Briefe sind doch viel vertraulicher, viel intensiver, weil ich erst darüber nachdenken muss, was ich schreibe. Ein paar aufgenommene, gesprochen Worte, die zwar spontan, jedoch vorsichtig formuliert werden, können einen Brief nicht ersetzen, da er beständiger ist, sich wie für immer geschrieben anfühlt. Eigentlich wollten wir einen lustigen Podcast machen, allerdings finden wir uns immer wieder bei sehr ernsten Themen wieder. Ob das die Zeit, der uns immer wieder einholenden Pandemie ist, oder sind wir ernst und vernünftig geworden? Nein, vernünftig sind wir nicht! Dafür haben wir zu viele Ideen. Um es mit Deinen Worten zusammenzufassen,

„Ich war so gut vorbereitet, bis du Fragen gestellt hast.“

Lass uns weiter auf unser Leben vorbereitet sein, bis einer Fragen stellt, um zu reagieren ist dann immer noch Zeit genug.

Deine Beate

P.S. Ich denk an Dich

22 Dezember 2020

Weihnachtsgeschenk

Lieber Alex,

ich habe ein Geschenk für Dich. Nun, eigentlich ist es auch ein erzwungenes Geschenk von Dir an mich. So ist es mit Geschenken manchmal, wie mit Ideen. Wir haben Ideen, wie unsere von der Krise gebeutelten Freunde und Freundinnen, Geschäftspartner und Geschäftspartnerinnen ihre finanziellen Engpässe überwinden sollen, oder Ihre persönliche Probleme lösen können:

“Hast Du es schon mal damit probiert, oder die xy aus Hintertupfelfingen hatte folgende Idee……….

Wenn Menschen so anfangen, möchte ich gern meistens das Telefon fallenlassen, einen Regenguss im Park über meinem Kopf niedergehen lassen oder den Zusammenbruch des Internets während einer Zoomkonferenz herbei wünschen.  Und dann in die Nacht schreien: “NEIN, und es interessiert mich auch nicht, weil es nichts mit meiner Situation zu tun hat, ich nicht verblödet bin und jetzt eine halbe Stunde brauche um Dir Lauch zu erklären, warum das für mich keinen Sinn macht, und warum Du nicht, da Du ja alles besser weißt nicht selbst Admin, Schriftstellerin, Einzelhändlerin, Gastronomin, Fotografin, Fußfetischistin, Malerin, Virologin, Mathematikerin oder gar Mutter oder Vater bist. ” Dann bliebe mir die Luft auch schon wieder weg und ich hätte mich beruhigt. Würde natürlich denken, dass es alle ja nur gut meinen.

Aber gerade dieses “gut meinen” ist eine Aufgabe, eine Arbeitsanweisung oder eine Kritik an der Kompetenz der den guten Ratschlag entgegennehmenden Person. Ungefragte Ratschläge sind Müll. Sie gehören auf die allwissende Müllhalde des Internets. In die Foren der “ich habe zwar keine Ahnung, aber ich würde das so machen – Fraktion”.

Aber ich habe ein gegenseitiges Geschenk für uns. Wir machen unseren ersten Podcast. Sollte das Internet, wie wir es kennen während der Weihnachtsfeiertage trotz Oma Erna und Co. , die über ZOOM mit Ihren Enkeln sprechen müssen, noch existieren, machen wir das. Damit das nicht wie ein Arbeitsauftrag an Dich scheint, habe ich mir schon technische Ratschläge geholt.

Deine Beate

P.S. Ich denk an Dich.

20 Juli 2020

Geld macht nur reich

Lieber Alex,

in letzter Zeit lerne ich beruflich sehr viele neue Menschen kennen. Die Vielfalt der Personen, die nun zu meinem Bekannten- und Kundenkreis gehören nimmt ständig zu. Einige Begegnungen sind teilweise lustig, verstörend (nein nicht wirklich, ich habe ja schon alles im Leben gesehen), nervig, ungewollt und manchmal sogar anrührend.

Anrühren sind Begegnungen mit älteren Damen. Frauen, die sich im hohem Altern vor die Tür wagen, die sich auf eine Veranstaltung trauen, die Kunst, Musik, Sonne und guten Kaffee und noch besseren Wein genießen wollen. Das sind meine Vorbilder, meine Idole. Manchmal nähme ich Sie gern in den Arm, wenn auch nur in Gedanken. Ich bin auf jede von ihnen so stolz.

Begegnungen können verstörend sein

Anderer Begegnungen erfüllen mich mit großer Trauer. In der Kunstszene (bei den echten und den Möchtegernbohemien) ist es üblich eine Mäzenin oder einen Mäzen zu haben. Das ist erstmal nicht verwerflich. Auch ich habe es mit einem Unterstützer sehr weit gebracht. Aber wie skurril das Werben um eine Person mit genügend Geldpolster sein kann, konnte ich in den letzten Tagen beobachten. Ich bin unsicher, auf wessen Seite ich mich stellen soll. Der Eine oder die Eine haben Geld, der Andere oder die Andere möchte es haben. Will der Eine oder die Einen nur Gesellschaft und sich mächtig und wichtig fühlen oder will der Andere oder die Eine nur Wein und Essen ohne Gegenleistung erbringen zu wollen oder müssen.

Oh, wie toll wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen. Der Eine oder die Eine könnten sich den Wein und das Essen selbst leisten und der Millionär oder die Millionärin könnten einfach so Geld an die Kunst verteilen oder den kunstschaffenden Menschen ohne eine Gegenleistung zu verlangen und hin und wieder einen guten Wein ausgeben.

Oh! Aber das können sie ja jetzt schon, denn Geld macht nur reich.

P.S. Ich denk an Dich.

 

1 Juni 2020

Wir machen Urlaub

Lieber Alex,

ich vermisse Dich sehr. Deine Anrufe mit der Begründung:“ Ich wollte nur Deine Stimme hören“ lassen mich strahlend in den Tag oder Abend gehen. Unsere letzte Idee, die bei einem dieser Telefongespräche entstand, hängt mir sehr nach.

Aus der ersten Freude: „Wir werden zusammen Urlaub in Polen machen“ entstanden ganz schnell sehr viele ernsthafte Gedanken. Unserer beider Wurzeln kommen aus Schlesien. Deine aus Frankenstein meine aus Gleiwitz, wo ich geboren bin. Beides gehörte zum Königreich Preußen. Aber darum wer wem, wann gehörte und welcher Volksstamm deutsch, polnisch oder kunterbunt ist, wird bei unserer Reise keine Rolle spielen. Das ist zwar wichtig und interessant, wird mir aber zurzeit viel zu sehr von Menschen diskutiert, die andere Ambitionen haben als wir.

Wir gehören zu den Bürgern Europas, die durch die Kriege, deren Sinnlosigkeit fast einen körperlichen Schmerz erzeugt, umverteilt wurden. Versteh mich nicht falsch, ich will keine alte Ordnung wiederhaben, mich schmerzt es nur keinen Ort zu haben, an den ich wiederkehren kann, um zu sagen hier begann alles, was mein Leben und meinen Werdegang beeinflusste, hier ist das Geburtshaus meiner Eltern und meiner Großeltern, hier bin ich zu Schule gegangen, hier leben meine Schulfreunde, hier wohnt die Nachbarin, bei der ich gern zu Mittag aß, wenn meine Mutter was kochte, das ich nicht mochte, hier habe ich mit meiner Schwester gelebt und gezankt, hier habe ich auf das Christkind oder den Nikolaus gewartet, hier habe ich Äpfel aus Nachbars Garten gestohlen.

Die Liste könnte ich weiterführen. Zugegeben, es ist ein wenig kitschig und vielleicht kannst Du Dir gar nicht vorstellen, was ich fühle. Ich denke, dass aber dieser unumkehrbare Umzug aus Polen nach Deutschland sehr prägend war. Für meine Eltern war das ein Umzug ohne Wiederkehr, ohne Kompromisse, teils damals dem kalten Krieg geschuldet und teils anderen politischen Absurditäten, über die Historiker schreiben sollten.

Also habe ich meine Heimatstadt in Erinnerung als einen Ort, an dem meine Familie nur darauf wartete in den „Goldenen Westen“ auszureisen. In Polen waren wir die Deutschen in Deutschland waren wir die Polen. Trotzdem hege ich keinen Groll. Es ist nur eine persönliche Leere, wenn ich meine Vergangenheit betrachte.

Desto mehr freu ich mich mit Dir zusammen unsere Wurzeln zu betrachten. Vielleicht vergeht diese Sehnsucht nach Geburtsort, so als wenn man ein Pflaster auf eine nicht so große Wunde klebt, oder pustet, damit ein rein psychosomatischer Schmerz endlich vergeht.

Du willst auch die Gedenkstätte Ausschwitz Birkenau besuchen. Ich sehe uns schon tränenüberströmt uns an den Händen haltend dort stehen. Ein Besuch dort ist nicht schön aber notwendig.

Deine Beate

P.S. Ich denk an Dich.

17 Mai 2020

Laute Schreie durch die Nacht

Lieber Alex,

es kommt mir fast wie eine Ewigkeit vor, seitdem ich Dir geschrieben habe. Ich wollte nicht schon wieder über Corona schreiben. Es ist so als hätte uns diese Pandemie komplett in Haft genommen. Ja genau, in Haft hat uns Corona genommen, nicht Merkel oder der OB Müller in Berlin. Ich habe gestern meine ersten Verschwörungsgläubigen im realen Leben getroffen und ich kann Dir sagen, ich bin total betroffen.

Ich war entsetzt bis ungläubig, dass man das alles Glauben kann. Corona ist nur dafür da, damit wir alle geimpft werden sollen, selber Denken, ich weiß was eine Diktatur ist, früher durften wir alles sagen nur Reisen war verboten, ich war auf der Demo und habe kein Corona bekommen, hat dein Freund, der gestorben ist, eine Vorerkrankung, alle die Sterben, sterben an einer Lungenembolie nicht an Corona, ich habe auch mit gebildeten Menschen gesprochen, die meiner Meinung sind, die anderen dürfen schon ins Fitnessstudio, die Grenzen sind schon wieder offen, ich rieche eine Diktatur, weil ich schon mal in einer gelebt habe, in Schweden konnten alle machen was sie wollten,  ich habe bei der Frisörin keine Maske aufgesetzt und sie auch nicht, man stirbt an anderen Krankheiten und nicht an Corona, an der Grippe sterben auch jedes Jahr 30.000 Menschen, mir ist gerade die letzte Gehirnzelle geplatzt.

Ich war so desorientiert, dass ich nach dieser Aufzählung vor Erschöpfung gleich drei Stunden geschlafen habe. Ich hätte am liebsten rein geschrien:

„Reißt euch doch mal zusammen!“

Das wäre so sinnlos gewesen. Darauf einen Schnaps, der tötet alles ab, hoffentlich auch die Erinnerung an dieses Zusammentreffen.

Ja und sonst so: „Ich vermisse gute Gespräche bei einem Glas Wein, Bier, Whisky oder Kaffee (ich bin ja vielfältig) mit meinen Freundinnen und Freunden. Ich vermisse, sich während eines Gespräch in die Arme zu nehmen, weil man so berührt – nicht gerührt- ist, von der Meinung des anderen. Ich vermisse das laute Hinausbrüllen der Gefühle in die stille Nacht beim Lagerfeuer, weil man da immer denkt, dass man allein ist auf der Welt, weil man geblendet durch das Feuer nichts Anderes mehr sehen kann.  So geblendet wie der Unionfan, der heute grölend durch Köpenick lief, konzentriert auf sein Bier, oder geblendet durch…….ach keine Ahnung was da so vorgeht in der Männerseele. Da weißt Du wahrscheinlich besser Bescheid als ich. So viel Sexismus sei mir heute gegönnt, als Ausgleich, für alles. Danke für Dein Verständnis.

Deine mal wieder orientierungslose Beate

P.S. Ich denk an Dich.

4 Mai 2020

Selbstbewusstsein und Mangotarte

Lieber Alex,

mein Kopf ist so voller Überlegungen, dass ich gar nicht weiß, was ich schreiben soll. Ständig fange ich in Gedanken an, einen Brief an Dich zu schreiben. Leider habe ich keine kleine Fee, die in meinem Kopf mithört und mitschreibt. Schon als ganz junges Mädchen habe ich in meinem Kopf Briefe an mein erwachsenes Ich geschrieben, in der Hoffnung eines Tages mit meinem verständnisvollen Ich darüber reden zu können. Später habe ich die Briefe an meine Lebensabschnittsgefährten adressiert und sie nie aufgeschrieben und niemals ausgesprochen. Dann habe ich es bedauert, da ich sie für ziemlich genial hielt, also die Briefe und meine Sicht auf Dinge, die meine Welt bewegten.

Heute bin ich manchmal ganz froh darüber, denn wer sollte das alles lesen? Dieses Vor- nach und dazwischenpubertäre Geschwurbbel einer fast erwachsenen Frau. Vielleicht strotzten sie damals vor Genialität, also für mich, vielleicht fehlt es meinem Ego von heute aber auch nur an Selbstbewusstsein, das anerkennt, dass ich es hätte durchaus aufschreiben können. Dieses absolute Selbstbewusstsein, bei den meisten schon fast Hybris bewundere ich oft. Also ich stehe eher fassungslos mit offenem Mund da und höre ihre Worte. Die Worte von Menschen, die so von sich als Person, ihrer absoluten Wichtigkeit für das Überleben der Menschheit überzeugten, die mit ihrer Einzigartigkeit quasi die Welt am Laufen halten, ohne die es nichts von Bedeutung gäbe, deren Nachkommen behütet und gehelikoptert aufwachsen müssen und schon viel zu früh wissen was ein Mangotarte ist und wie Sushi schmeckt. Aber lassen wir das. Da geht es wieder mit mir durch, das Ego, das wahrscheinlich nur neidisch ist, auf das ereignislose Leben der anderen.

Und dann gibt es in einer Schublade meines großen Apothekerschrankes meiner Menschensammlung noch die Heldinnen und Helden des Lebens, die leise ihre Werke tun. Deren Lebenswerke vielleicht, wenn sie keine Erben haben, nie gewürdigt werden. Diesen Gedanken fand ich bei einer Plauderei mit einer Bekannten, die als Fotografin Land und Leute, wie man so schön sagt, verewigt. Die sehr vielen Kindern das Schwimmen beigebracht hat, mit viel Freude und Engagement. Die als Lehrerin mehr als sie musste getan hat. Wir sprachen über Ihre Website, die sie soweit es möglich ist, selbst gestaltet und bearbeitet. Sie entschuldigte sich, dass sie nicht so schnell sei, beim Suchen in der Adminansicht, in den, wer kennt das nicht, tausend Menüpunkten, sie sei halt technisch nicht so begabt.

Da blieb mir auch die ganze Zeit der Mund offen stehen, wenn das eine 80jährige Frau so sagt. Außerdem müsse sie denn mal los, zum Geigenunterricht, den sie lernt seit 3 Jahren die Geige zu spielen, nur für sich, weil es schon immer ihr Traum war. Ich bin immer noch sprachlos, und Du, mein lieber Alex weißt wie ungewöhnlich das ist.

Deine Dich sehr vermissende und sprachlose Beate

P.S. Ich denk an Dich

22 April 2020

Geölte Gießkannen

Lieber Alex,

ich wusste gar nicht, dass Sammeln eine so seltsame Leidenschaft ist. Vielleicht sagt das Wort an sich schon alles. L E I D E N -schaft. Ich sammle auch. Das hast Du bestimmt nicht von mir erwartet, da ich ja immer so aufgeräumt wirkte, man traut mir sinnloses Kaufen von Gegenständen, die nur einen Wert haben, weil sie selten oder limitiert sind nicht zu. Aber genau so ein Sammler bin ich nicht. Also so ein Sammler, der Dinge sammelt, weil Sie angeblich wertvoll sind und noch schlimmer: wertvoll werden könnten. Das halte ich sowieso für völligen Schwachsinn, weil ja die Sachen, solange man niemanden findet, der sie einem abkauft, nicht wirklich wertvoll sind.  Natürlich ist eine Statuette aus Gold von sich von Wert, weil das Gold irgendwie von Wert ist, aber dafür müsste ich Sie einschmelzen und dann wäre der sogenannte Sammlerwert weg, weil es nur ein Klumpen Gold wäre, mit dem ich mir im Laden nicht mal ein Brot kaufen könnte. Und jetzt gerade frage ich mich, ob mein Gegenbeispiel wirklich eins ist, denn, wenn ich eine Spielzeugfigur hätte, die in limitierter Auflage verkauft wurde, noch in der Originalverpackung, Preislabel noch dran. Was ist die Wert, wenn Sie bei mir im Regal steht? Wird sie mit der Zeit wertvoller? Wenn der ganze Staub sich drauf gesammelt hat und die Packung vergilbt ist. Ach, das würde aber nur bei mir passieren, ein richtiger Sammler von Plastikgedöns oder Comics hat die nochmal in Plastikfolie eingeschlagen und liest die Comics natürlich nicht, damit Sie sich wieder gut verkaufen lassen und in Wirklichkeit kauft der ernsthafte Sammler noch mehr Comics oder Plastikfiguren oder sonstiges limitiertes Zeug oder Sonderausgaben, wie bei CDs oder DVDs (die kleinen Plastikscheiben, die in Plastikhüllen eingepackt sind, meistens ist Musik drauf, oder ein Film mit Bonusmaterial, was kein Mensch ansehen will) und irgendwann ist die Wohnung voll mit limitiertem Plastik, das erst wertvoll wäre, wenn man einen Käufer dafür fände, den man nicht sucht, weil man sich nicht trennen mag von den tollen Sachen, die sonst nur sehr, sehr wenige andere haben und kauft lieber noch mehr davon, als, wenn man älter wird, Geldanlage, weil man das so macht und wenn man die Plastikfiguren eingeschmolzen hat, kann man dafür auch kein Brot kaufen. Und jetzt weiß ich gar nicht mehr wie ich darauf gekommen bin. Vielleicht weil, wenn man gestern ein Barrel Öl gekauft hätte, 40 USD bekommen hätte und das Öl. Also noch dazu, zum Öl, null Euro für ein Barrel ÖL und 40 USD, (ich glaube das immer noch nicht ganz, deshalb wiederhole ich es so oft, es wird aber durch das Umformulieren nicht besser)  weil sich da Leute gedacht haben, ich kaufe Dinge, die rar sind, als Geldanlage. Und jetzt stelle ich mir das Gesicht der Bäckereifachverkäuferin vor, wenn ich mit meinem Fass Öl und 40 Broten….. ne, so funktioniert das nicht.

Deshalb sammle ich im Moment Gartengießkannen aus Zink, ich werde sie mit Blümchen bepflanzen und meine Freude daran haben, sie in Reih und Glied im Garten aufzustellen, mal nach Größe geordnet und mal völlig durcheinander, wir werden uns nie trennen müssen, weil sie nicht wertvoll sind, und ich gar keinen Gedanken daran verschwenden muss, ob ich sie verkaufen soll, aber ich kann ihnen nicht garantieren, also den Gießkannen, dass sie einzigartig sind, oder für immer bei mir bleiben dürfen, im Gegensatz zu Dir, lieber Alex. Aber ich habe mir ein Limit von 40 gesetzt.

Deine verwirrte Beate

P.S. Ich denk an Dich

15 April 2020

Angst-Panik-keine Pointe

Lieber Alex,

voller Angst, sogar fast panisch schreibe ich Dir. Diesmal ist es kein witziger oder pointierter Brief. Lieber würde ich Dir schreiben, dass mir Dein Link zu der Kinokritik zu den Känguru-Chroniken in den Morgenstunden, wusste gar nicht, dass Du schon so früh aktiv sein kannst als Nerd, so viel Freude bereitet hat. Aber das Tagesgeschehen reißt einen so schnell in die harte Realität. Schneller, wenn Frau jeden Morgen Radio hört wie ich.

Schon seit gestern warte ich, wie viele Bürger auf die neuen Regeln zur Lockerung des Lockdowns. Mir wird ganz schlecht bei dem Gedanken, dass diese Leopoldina Empfehlung über uns alle entscheiden soll. Es gibt mehr Männer, die diese Empfehlung erstellt haben und mit Vornamen Thomas heißen, als es Frauen gibt, die beteiligt waren. Ich kann mich darüber nicht einmal mehr aufregen, Du kennst mich, Du weißt wie ich lospoltern kann.

Jetzt aber fühle ich nur eine große Angst. Das mag albern klingen aber ich glaube, dass ich nicht die Einzige bin, der es so geht. Ich bin nicht einzigartig.  Ich hatte da so einen Gedanken, den ich kaum zu formulieren wage: So ging es bestimmt den Menschen, früher (oder vielleicht noch heute) wenn Sie auf die Entscheidung Ihres Staatsoberhauptes warteten, ob es einen Krieg gibt oder nicht. Ich denke nicht an die bekloppten, die auf den Straßen tanzten als es hieß, es gäbe Krieg, sondern an Eltern, Gattinnen, Großeltern, die an die Menschen dachten, die sie in diesem Krieg verlieren könnten.

Diese Machtlosigkeit gegenüber der Obrigkeit oder der Meinung der Lauten ist beinahe schmerzhaft. Nein, nicht beinahe, völlig real. Sie ist einfach da.

Ich weiß, das ist ziemlich anmaßend, aber bringen wir unsere Lieben nicht in Gefahr? Unsere Kinder, Eltern, Freunde, alle. Das klingt übertrieben. Doch denke ich, dass viele zusammengerollt in Ihren Betten liegen und Angst haben, weinen und sich nach einer Umarmung sehnen. Ich glaube, wir können es einfach langsam angehen lassen. Das schöne Leben, von dem wir immer Träumen werden wir je nie haben, so Steiner & Madleina, dann macht es doch nichts weiter aus, als einfach mal zu Hause zu bleiben. Selbst wenn einige Ihr Abitur oder MSA-Prüfungen in diesem Jahr nicht machen, ist es keine Tragödie, wenn man die Welt insgesamt betrachtet. Wir müssen uns von dem Klein-Klein unserer beschränkten Welt lossagen.

Endlich die Durchsage im Radio, dass es erst am 04. Mai weitergeht, mit was auch immer.

Ich warte sehnsüchtig auf eine aufmunternde Antwort

Deine Beate

 

P.S. : Ich denk an Dich

14 April 2020

Kommunikation

Lieber Alex,

sehnsüchtig habe ich auf Deinen Brief gewartet und voller Freude habe ich heute Deine Zeilen gelesen. Nicht auszudenken, dass Menschen früher so kommuniziert haben. Also nicht so digitale Briefe, wie wir das hier machen, sondern mit RICHTIGEM Papier. Und Tinte. Die haben bestimmt ganz lange darüber nachgedacht, was sie gleich aufschreiben werden. Meistens ist ganz viel Zeit vergangen bis man eine Antwort bekommen hat.

Das ist ungefähr so, als wenn Du im Netz der Telekom eine SMS verschickst und Du und Dein Telefon ganz weit entfernt seid, von einem Funkmast, also in der Provinz oder noch genauer in Brandenburg. Aber auch eine Whatsappnachricht kann im WLAN der Deutschen Bahn Minuten brauchen oder gar Stunden, bis Sie versendet wird. Junge Menschen bemerken das gar nicht, weil Sie gaaaaaanz viele andere Nachrichten zu hören haben, ob die schon mal drüber nachgedacht haben, zu telefonieren, weil da hätte man doch gleich die Antwort, oder ist das jetzt eine zu verwegene Idee? Aber so einem Rentner, dem macht es was aus, da kann man schon mal hinterhertelefonieren, um zu fragen, ob den die Whatsapp auch angekommen ist. Auch ruhig im Ruhebereich der Bahn. Das ist wie eine E-Mail abschicken und dann auch gleich anzurufen, ob Sie denn schon gesehen hat, weil ist ja die einzige E-Mail, die Frau so am Tag bekommt, also die jetzt wiiiirklich wichtig ist. Die,  die man gleich beantworten muss. Auch hier ist mir der Gedanke der direkten Kommunikation über Telefon gleich in den Sinn gekommen, nein das ist zu absurd.

Absurd ist finde ich inzwischen zwanghafte Videokonferenzen zu veranstalten, täglich, stündlich, den ganzen Tag. Was ist so falsch an einfachen Telkos?

Quasi Gruppenchats mit Sprache und direkten Antworten aber ohne das Bild

Von langhaarigen, ungepflegten Menschen, die sich im Gesicht rumfummeln, in der Regel sitzend vor einer Regalwand. Halt! Das sind ja nur die im Fernsehen. Die normalen Menschen sitzen auf dem Sofa und Du kannst die geschmacklosen Bilder aus dem Baumarkt im Hintergrund sehen, die irgendwie farblich zum Interieur gepasst haben und das Geld für eine limitierten Druck vom Hipsterkunstversand nicht mehr reichte ….ich schweife ab. Also,  vielleicht wissen die nicht, dass es solche Funktionen auch am Festnetztelefongerät gibt, oder auch am Smartphone, ohne unerwünschte Besucher im Zoom und ohne Angst haben zu müssen, dass Daten von Skype abgegriffen werden und die bei der NSA landen und wir alle in Guantanamo gefoltert werden, weil wir den f*ing Präsidenten beleidigt haben, aus Versehen, nicht mit Absicht. Ah, apropos USA. Der Virus verändert nicht nur den Präsidenten der Vereinigten Staaten. Auch Lehrer werden zur E-Learning-Experten, zumindest im Rahmen Ihrer Möglichkeiten. Ich versuche es mal vorsichtig zu formulieren: Nicht jeder ist ein Youtube-Star, der die Kids zum Mathe lernen motivieren kann.

In freudiger Erwartung auf Deine Antwort bei einem Glas Silvaner

Deine Beate

 

P.S.: Ich denk an Dich