4 Mai 2020

Selbstbewusstsein und Mangotarte

Lieber Alex,

mein Kopf ist so voller Überlegungen, dass ich gar nicht weiß, was ich schreiben soll. Ständig fange ich in Gedanken an, einen Brief an Dich zu schreiben. Leider habe ich keine kleine Fee, die in meinem Kopf mithört und mitschreibt. Schon als ganz junges Mädchen habe ich in meinem Kopf Briefe an mein erwachsenes Ich geschrieben, in der Hoffnung eines Tages mit meinem verständnisvollen Ich darüber reden zu können. Später habe ich die Briefe an meine Lebensabschnittsgefährten adressiert und sie nie aufgeschrieben und niemals ausgesprochen. Dann habe ich es bedauert, da ich sie für ziemlich genial hielt, also die Briefe und meine Sicht auf Dinge, die meine Welt bewegten.

Heute bin ich manchmal ganz froh darüber, denn wer sollte das alles lesen? Dieses Vor- nach und dazwischenpubertäre Geschwurbbel einer fast erwachsenen Frau. Vielleicht strotzten sie damals vor Genialität, also für mich, vielleicht fehlt es meinem Ego von heute aber auch nur an Selbstbewusstsein, das anerkennt, dass ich es hätte durchaus aufschreiben können. Dieses absolute Selbstbewusstsein, bei den meisten schon fast Hybris bewundere ich oft. Also ich stehe eher fassungslos mit offenem Mund da und höre ihre Worte. Die Worte von Menschen, die so von sich als Person, ihrer absoluten Wichtigkeit für das Überleben der Menschheit überzeugten, die mit ihrer Einzigartigkeit quasi die Welt am Laufen halten, ohne die es nichts von Bedeutung gäbe, deren Nachkommen behütet und gehelikoptert aufwachsen müssen und schon viel zu früh wissen was ein Mangotarte ist und wie Sushi schmeckt. Aber lassen wir das. Da geht es wieder mit mir durch, das Ego, das wahrscheinlich nur neidisch ist, auf das ereignislose Leben der anderen.

Und dann gibt es in einer Schublade meines großen Apothekerschrankes meiner Menschensammlung noch die Heldinnen und Helden des Lebens, die leise ihre Werke tun. Deren Lebenswerke vielleicht, wenn sie keine Erben haben, nie gewürdigt werden. Diesen Gedanken fand ich bei einer Plauderei mit einer Bekannten, die als Fotografin Land und Leute, wie man so schön sagt, verewigt. Die sehr vielen Kindern das Schwimmen beigebracht hat, mit viel Freude und Engagement. Die als Lehrerin mehr als sie musste getan hat. Wir sprachen über Ihre Website, die sie soweit es möglich ist, selbst gestaltet und bearbeitet. Sie entschuldigte sich, dass sie nicht so schnell sei, beim Suchen in der Adminansicht, in den, wer kennt das nicht, tausend Menüpunkten, sie sei halt technisch nicht so begabt.

Da blieb mir auch die ganze Zeit der Mund offen stehen, wenn das eine 80jährige Frau so sagt. Außerdem müsse sie denn mal los, zum Geigenunterricht, den sie lernt seit 3 Jahren die Geige zu spielen, nur für sich, weil es schon immer ihr Traum war. Ich bin immer noch sprachlos, und Du, mein lieber Alex weißt wie ungewöhnlich das ist.

Deine Dich sehr vermissende und sprachlose Beate

P.S. Ich denk an Dich


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Verfasst 4. Mai 2020 von Beate in category "Briefe von Beate

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